Der Shaolin Tempel und die Shaolin Kultur

Artikel der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe Nr. 65 vom 19.3.2011

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Pressebericht Süddeutsche Zeitung 

Die Süddeutsche Zeitung hat recherchiert und einen Artikel mit dem Titel: "Der Shaolin Schwindel" über den angeblichen Shaolin Tempel in Kaiserslautern/Otterberg veröffentlicht.

Wir danken Sebastian Beck und der Süddeutschen für diese Arbeit und die Genehmigung den Artikel auf unseren Seiten zu veröffentlichen. 

O Mi To Fo

Artikel der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe Nr. 65 vom 19.3.2011

mit freundlicher Genehmigung von Sebastian Beck/Süddeutsche Zeitung, außschliesslich zur Nutzung auf den Seiten des Shaolin Tempel Deutschland 

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(Textversion)

Der Shaolin-Schwindel

Der Shaolin-Schwindel

Ein früherer Kaufmann bildet in der Pfalz junge Männer zu buddhistischen Mönchen aus - ohne Legitimation

Von Sebastian Beck

Hinter der Tür eines Einfamilienhauses in der Pfalz liegt die bizarre Welt des Monroe Coulombe. Wer dort eintritt, wird von einem Jungen im grauen Kittel empfangen. Sein Kopf ist kahl geschoren; er faltet die Hände und verbeugt sich. Dann erscheint auch schon der Meister und bittet den Gast nach nebenan in den Vortragsraum, wo er sich ans Kopfende eines Tisches setzt und allergütigst lächelt: Ein korpulenter Mann Mitte vierzig in Mönchsrobe, der bürgerlich Monroe Coulombe heißt und in seinem früheren Leben als Kaufmann gearbeitet hat. Hier aber will er mit "Abt" oder seinem buddhistischen Namen Shi Heng Zong angesprochen werden.

Er erzählt gerne und viel. Vom strengen Leben der Shaolin-Mönche, von Zen, von den Tausenden Teilnehmern seiner buddhistischen Seminare und von den Hunderten Bewerbern aus ganz Europa, die hierher nach Otterberg bei Kaiserslautern wollen, um sich einer rigorosen Auslese zu unterziehen. Man merkt ihm die Routine im Umgang mit Medien an.

Allein die Reportagen über ihn füllen inzwischen einen Ordner. Nachdem Spiegel TV vor zwei Jahren eine Dokumentation über einen seiner Zöglinge sendete, hat Monroe Coulombe in Deutschland Karriere gemacht: Als angeblich erster nichtchinesischer Mönch des Shaolin Tempels seit zwei Jahrhunderten, wie er auf seiner Website schreibt. Als Abt eines buddhistischen Klosters, das Jugendliche zu "Kampfmönchen" ausbildet. Außerhalb Chinas soll das nur hier in Otterberg möglich sein. Die Weltelite des Kampfsports mitten in der pfälzischen Provinz. Das klingt zu schön, um wahr zu sein - und es ist ja auch nicht wahr.

Denn Coulombe alias Shi Heng Zong ist in Wirklichkeit weder Shaolin-Mönch noch ein vom Muttertempel legitimierter Abt. Er kann daher auch keine Novizen im Namen des Klosters ausbilden. Und ob bei ihm künftig noch Minderjährige wohnen dürfen, das prüft nach Hinweisen auf Missständen das Landesjugendamt in Kaiserslautern.

Das ist die sehr weltliche Seite einer Geschichte, die davon handelt, wie leicht sich Menschen vom Schein des Fernöstlichen blenden lassen, und wie ein Hochstapler ein Regime des bedingungslosen Gehorsams errichten konnte - bis Ende vergangenen Jahres ohne jegliche Kontrolle von außen.

Es gibt in Deutschland tatsächlich einen Ableger des chinesischen Shaolin-Klosters, allerdings nicht in Otterberg, sondern in Berlin. Hier sitzt Ursula Schaedel und überlegt erst einmal, ob sie überhaupt noch über Coulombe sprechen soll. "Ich habe mit allen Bandagen gegen ihn gekämpft", sagt die Mitarbeiterin des Tempels. Doch gebracht habe es bisher nichts. Immer dann, wenn wieder ein Bericht über Coulombe und sein Kloster erscheint oder er im Fernsehen auftritt, klingelt im Shaolin Tempel Deutschland das Telefon. Dann fragen junge Männer oder Eltern, ob man denn in Berlin als Novize eintreten könne. Und dann sagt Ursula Schädel immer wieder dasselbe: In Europa werden keine Novizen aufgenommen, und Otterberg ist kein Shaolin-Kloster.

Zum Beweis präsentiert sie Dokumente, die der Muttertempel in China ausgestellt hat. Darunter ist auch ein Schreiben "Seiner Heiligkeit", des Großmeisters Shi Yongxin vom 2. Februar 2008. Darin heißt es: "Hiermit bestätige ich, dass der Shaolin Tempel Deutschland bundesweit der einzige Ableger des weltberühmten Shaolin Tempels in der Provinz Henan/China ist (. . .) Der Abt des Ablegers muss aus dem Muttertempel kommen und gleichzeitig als ordinierter Mönch im Register des Shaolin Tempels in China eingetragen sein."

Doch Coulombe war nie im Muttertempel, und selbst Chinesisch spricht er nach eigenem Bekunden "nur minimalst". Schließlich werde auch nicht von jedem Pfarrer ein Aufenthalt im Vatikan verlangt, versucht er sich herauszureden. Wolkig klingen seine Ausführungen, wenn er über seinen geistlichen Werdegang spricht: "Ich wurde quasi gefragt von Shaolin-Mönchen, ob ich Interesse daran hätte, Mönch zu werden", sagt er. "Das ist so ungefähr zehn Jahre her."

Zweiflern schickt Coulombe eine Urkunde, die er sich mit Datum vom 27. Juli 2003 von seinem Bekannten Rainer D. ausstellen ließ: Darin wird er zum "1. Abt des Shaolin Tempels Kaiserslautern" ernannt - "auf Lebenszeit". Ein Dokument von eher satirischem Wert, das allen Ordensregeln widerspricht. Es ist ungefähr so, als hätte ein Caritasdirektor einen Kardinal ernannt. Denn D. war Geschäftsführer des Tempels in Berlin, bevor man sich vor einigen Jahren dort von ihm trennte. Mittlerweile lebt er als Tauchlehrer in Kambodscha. Warum er seinem Freund Coulombe den Gefallen tat und ihn als "Abt" einsetzte, darüber schweigt sich D. heute aus. Aber auch er müsste nur zu gut wissen, dass die Urkunde ungültig ist.

Im Juli 2010 ließ Ursula Schaedel dem falschen Abt von Otterberg Post durch den Gerichtsvollzieher zustellen: Das Kloster habe nie jemanden mit der Einsetzung von Coulombe als Abt beauftragt, schreibt Großmeister Shi Yongxin diesmal. Die Verwendung des Begriffs "Shaolin Tempel" sei illegal. Doch auch darauf hat er nicht reagiert.

Sein Geschäftsmodell als buddhistischer Scheinheiliger scheint gut zu funktionieren. In regelmäßigen Abständen gehen ihm Journalisten auf den Leim und berichten über das Kloster. Der Tenor ist immer derselbe: Was sind das doch für tolle Kerle - so friedfertig, obwohl sie einen Menschen im Bruchteil einer Sekunde töten könnten. Sogar im öffentlich-rechtlichen Kinderprogramm Ki.Ka durfte vor einigen Monaten ein 16 Jahre alter Novize Coulombes vorturnen. Die Moderatoren schwärmten von der Welt des "absoluten Gehorsams" mit "bis zu acht Stunden Training am Tag".

Was in dem Einfamilienhaus in Otterberg wirklich vor sich geht, das dringt nur bruchstückhaft nach draußen. Coulombe selbst behauptet, dass dort außer ihm noch knapp ein Dutzend "Mönche" und "Novizen" wohnen. Dazu kommen auch Gäste auf Zeit, denen die Truppe ein Klosterleben vorgaukelt. Nur wenige trauen sich darüber zu sprechen: Coulombe sei ein "machtbesessener Mensch", sagt einer, der dort mehrere Monate verbrachte. Von seinen Gefolgsleuten fordert er die völlige Unterwerfung. Strittig ist, ob auch Schläge als letztes Mittel der Erziehung eingesetzt werden. Coulombe leugnet das. Die Mutter eines 13-jährigen Jungen, der dort drei Monate verbrachte, weiß hier anderes zu berichten. In einem Vorgespräch habe Coulombe darauf hingewiesen, "dass in absoluten Härtefällen eine Züchtigung durch einen Stock angewandt werden würde". Merkwürdig liest sich auch der Novizen-Vertrag, den die Eltern unterzeichneten. Darin steht: Dem Orden werde "unumschränkte Strafgewalt" eingeräumt, die nur durch das Gesetz des jeweiligen Landes eingeschränkt sei. Und weiter: "Soweit hierfür der Orden von den jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen bzw. Beschränkungen freigestellt werden kann, geschieht dies hiermit." 

Trotzdem gaben die Eltern ihren Sohn in die Obhut Coulombes und traten ihm sogar noch das Kindergeld ab. Der Junge sollte - wie andere Novizen auch - in Otterberg zur Schule gehen und täglich zu Hause anrufen. "Es hat klare Absprachen gegeben",sagt die Mutter. Doch dann war das Kind für seine Eltern am Telefon nicht zu sprechen. Bei einem Anruf in Berlin erfuhr sie dann von Ursula Schaedel, dass das Kloster in Otterberg nichts mit echtem Buddhismus zu tun hat. In den Herbstferien holte sie ihren Sohn zurück nach Berlin. Obwohl er nicht geschlagen worden sei, sagt sie im Rückblick: "Ich würde mein Kind dort auf keinen Fall wieder hingeben."

Die Behörden haben sich für das Treiben des Monroe Coulombe bisher nicht sonderlich interessiert. Nach einer Strafanzeige wegen Betrugs durch Ursula Schaedel stellte die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern das Ermittlungsverfahren mangels "hinreichenden Verdachts" kurzerhand ein. Zumal das Mutterkloster keinen Wert auf ein Strafverfahren legt: Das sei unbuddhistisch, heißt es dort. Danach gab Ursula Schaedel auf. Wenig später wandte sich eine Schulsozialarbeiterin an das Jugendamt des Landkreises Kaiserslautern: Sie hatte über einen Novizen von Missständen im Kloster gehört. Mitarbeiter der Behörde inspizierten daraufhin im Herbst 2010 das Haus in Otterberg. Ihr Befund: Eine "akute Gefährdung des Kindeswohls sei nicht gegeben". So fasst Amtsleiter Klaus Nabinger das Ergebnis der Besichtigung zusammen. Weil ihm die Situation wegen der minderjährigen Novizen dennoch "etwas problematisch" vorgekommen sei, leitete er die Angelegenheit an das Landesjugendamt weiter. Dort wird nun schon seit Wochen geprüft, ob Coulombe ohne Pädagogen überhaupt ein Internat betreiben darf.

Durch die Recherchen der Süddeutschen Zeitung aufgeschreckt, hat Werner Keggenhoff , der Leiter des Landesjugendamts, die Angelegenheit nun zur Chefsache gemacht. Die Behörde stattete dem Kloster erneut einen Besuch ab. Abermals lautet das Ergebnis: Für eine akute Gefährdung des Kindeswohls, so Keggenhoff, gebe es "keinerlei Anhaltspunkte". Dennoch: Über seinen Anwalt lässt Coulombe der SZ ausrichten, dass der "ehrwürdige Abt" nach der Kontrolle keine weiteren minderjährigen Novizen mehr aufnehme, bis die Erlaubnis des Jugendamtes vorliege. Ein Novize werde bei einer Pflegefamilie untergebracht. 

So darf Monroe Coulombe alias Shi Heng Zong sein Regime als Abt von Otterberg vorerst weiterführen. Auf seiner Homepage warnt er sogar noch vor "falschen Meistern und angeblichen Mönchen", die "gutgläubige Menschen mit guten Absichten verführen und mit Shaolin nichts gemeinsam haben". 

Abendtraining in der Sporthalle von Otterberg. Hinter einer Trennwand ist das Lachen von Kindern beim Fußballspielen zu hören. Auf dieser Seite aber wird geschwiegen. Ein 15-jähriger Chinese in orangefarbenem Anzug drillt die Kampfsport-Gruppe. Die jüngsten der etwa 20 Teilnehmer sind kaum älter als Vorschulkinder. In der ersten Reihe stehen die Novizen im grauen Anzug, dahinter die Kinder aus der Umgebung. Von einer Empore aus verfolgen die stolzen Eltern, wie ihre Söhne stramm stehen und Komman dos ausführen.

Am Ende des Trainings falten die Schüler die Hände und verbeugen sich vor Coulombe. Er setzt sein allergütigstes Lächeln auf und erwidert den Gruß. 

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